Grimmelshausens Simplicissimus
und der europäische Roman
Bericht über den Kongreß der
Grimmelshausen-Gesellschaft
20.–23. Juni 2007 in Oberkirch und Renchen
Die Grimmelshausen-Gesellschaft veranstaltet im Abstand
von drei Jahren in Verbindung mit ihrer Mitgliederversammlung
einen wissenschaftlichen Kongreß. Im Jahr 2007 stand
er unter dem Thema: „Grimmelshausens Simplicissimus
im Kontext des europäischen Romans“. Er fand
vom 20.–23. Juni 2007 in Oberkirch und Renchen statt,
von beiden Grimmelshausen-Städten wieder großzügig
unterstützt. Vorbereitet und geleitet vom Präsidenten
der Grimmelshausen-Gesellschaft, sollte der Kongreß
klären, weshalb der Simplicissimus als einziger
deutschsprachiger Roman der frühen Neuzeit bis auf
den heutigen Tag in hohem kanonischen Ansehen steht, was
den Roman, wie sein Autor es wünschte, „aufhebens
Werth“ gemacht hat.
Die 22 Referenten versuchten solche Fragen über Vergleiche
mit der europäischen Romantradition zu beantworten.
Dabei ging es weniger um Quellenfragen als um Fragen der
Qualität: um Grimmelshausens Anteil an der Herausbildung
einer modernen Romanpoetologie, um seinen unkonventionellen
Umgang mit den Konstruktionsprinzipien des hohen und niederen
Romans, mit der realistisch-satirischen Erzähltradition
und den Formproblemen des autobiographischen Erzählens,
um seine Kunstgriffe bei der Einformung unterschiedlichster
Materien. Zu Vergleichen herangezogen wurden die Menippea
(Apuleius, Lukian), Morus, Rabelais, die spanische novela
picaresca, Cervantes (Don Quijote, Exemplarische
Novellen), Scarron, Sidney, Sorel, Hieronymus Dürer,
Reuter, Defoe, Sterne, Thackeray, Goethes Wilhelm Meister,
Grass. Vergleichend konnten nicht nur zahlreiche Episoden
des Simplicissimus neu interpretiert, sondern auch
die immer wieder erstaunliche Reflektiertheit und Offenheit,
d. h. die Modernität des simplicianischen Autors und
seines großen Gegenwartsromans unter Beweis gestellt
werden. Daß dem Kongreß der genius loci besonders
förderlich war, erwies sich bereits vor Beginn des
Kongresses bei der Exkursion zur Ruine Hohenrod, dem Schauplatz
von Grimmelshausens Beernhäuter, aber auch
bei der simplicianischen Weinprobe in Oberkirch, beim Besuch
des Simplicissimus-Hauses in Renchen und beim Abschiedsschmaus
im „Silbernen Stern“ zu Gaisbach.
Die Vorträge sind inzwischen in unserem Jahrbuch Simpliciana
XXIX (2007) erschienen.
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Grimmelshausens Wunderbarliches Vogel-Nest.
Der Schlußstein des simplicianischen Zyklus
Bericht über das Arbeitsgespräch der Grimmelshausen-Gesellschaft
22.-24. Juni 2006 in Oberkirch
Mit Grimmelshausens beiden Vogel-Nest-Romanen - Das wunderbarliche Vogel-Nest, gedruckt Ende 1672, und Deß Wunderbarlichen Vogelnests Zweiter theil,
durch die Kriegsereignisse am Oberrhein wohl erst Anfang 1675
erschienen - stand erstmals der Schlußstein des simplicianischen
Zehn-Bücher-Zyklus auf dem Programm einer Tagung der
Grimmelshausen-Gesellschaft. In zwei Abendvorträgen und einem
zweitägigen Arbeitsgespräch, zu dem Italo Michele Battafarano (Trento)
und Dieter Martin (Freiburg) eingeladen hatten, sollte das bisher
geringere Interesse an den beiden Vogel-Nest-Romanen
kompensiert, die narratologische Eigentümlichkeit des simplicianischen
Finales aufgehellt und den von Grimmelshausen behandelten
theologischen, zeitgeschichtlichen und literarästhetischen Diskursen
nachgegangen werden. Die Tagung, die eine besonders diskussionsfreudige
Atmosphäre gekennzeichnet hat, eröffnete Rolf Tarot (Zürich) mit einem
Abendvortrag zur "Kunst des Erzählens in Grimmelshausens Vogel-Nest", in dem er die Besonderheiten eines Ich-Erzählens bestimmte, das im Gegensatz zum Simplicissimus Teutsch
kaum autobiographisch zu nennen ist. Narratologische Fragen standen
dann auch im Mittelpunkt der ersten Gesprächseinheit: Friedrich Gaede
(Freiburg) empfahl in seinem Referat über "Das plicarische Prinzip"
jene Astgabel, in der das Vogelnest erstmals aufgefunden wird,
als poetischen Initialpunkt zu begreifen, und Jörg Wesche (Augsburg)
erörterte unter dem Titel "Unsichtbares lesen" die "Spielräume
narrativer Selbstreflexion in Grimmelshausens Vogel-Nest", die schließlich bis zum Verschwinden des Erzählers am Ende des Zyklus führten.
Grimmelshausens
bislang nicht systematisch erforschten Beitrag zur Etablierung der
Literaturkritik im späten 17. Jahrhundert behandelte Dieter Breuer
(Aachen), indem er besonders auf die in Grimmelshausens Werken
episodisch integrierten Verteidigungen seines eigenen Schreibens (etwa
gegen Philipp von Zesen) einging. "Vom Geld im Vogel-Nest"
sprach Christoph Deupmann (Karlsruhe), der die spezifische Logik des
Geldes in Grimmelshausens 'fiktiven finanziellen Autobiographien'
aufdeckte, die erzählerische Behandlung des Geldmotivs vor den
Hintergrund zeitgenössischer Wirtschaftslehren und moraldidaktischer
Warnungen vor der Geldgier stellte. Mit einem emotionsanalytischen
Instrumentarium näherte sich Rüdiger Zymner (Wuppertal) den "Gefühlen
in Grimmelshausens Vogel-Nest", um die Möglichkeit zu erproben,
den Schluß den simplicianischen Zyklus als 'vorempfindsamen Roman' zu
lesen. Nachdem Dieter Martin (Freiburg) eine bislang unbeachtete
ikonographische Tradition vorstellte, die für das Titelkupfer des
zweiten Vogel-Nestes möglicherweise vorbildhaft war, widmete
sich Elmar Locher (Verona) den "Strategien der Visibilität", wie sie
sich in Grimmelshausens Erzählverfahren erkennen lassen. Den ersten
Arbeitstag beschloß Wilhelm Kühlmann (Heidelberg) mit seinem
öffentlichen Abendvortrag über "Machtspiel und Begehren. Zum epischen
Tagtraum in Grimmelshausens Vogel-Nest", in dem er die zentralen Motive des Romanpaares sozialhistorisch und sozialpsychologisch analysierte.
Rosmarie Zeller (Basel), die mit ihrem Referat zur "Magia naturalis, Zauberkunst und Kritik des Wunderbaren im Vogel-Nest"
den zweiten Tag des Arbeitsgesprächs eröffnete, deutete die
überwiegenden 'natürlichen' Erklärungen vermeintlich magischer
Phänomene als implizite kritische Auseinandersetzung mit der
Wunderliteratur der Zeit. Mit seinen Überlegungen zur "göttlichen Logik
des Teuflischen in Grimmelshausens Vogel-Nest" verband
Maximilian Bergengruen (Basel) nicht nur einen Hinweis auf das
Vorkommen analoger magischer Mittel in zeitgenössischen Hexenprozessen,
sondern auch die Frage, ob das unsichtbar machende Instrument selbst
teuflischen Ursprungs sei oder ob es lediglich teuflischem Gebrauch
unterliege. Damit war die Tagung bei den "Theologischen Diskursen in
Grimmelshausens Vogel-Nest und ihren historischen Kontexten"
angelangt, die Walter Helmuth Sparn (Erlangen) instruktiv
differenzierte: Grimmelshausen habe erstens implizit teil an
allgemeinen theologiehistorischen Entwicklungen, beziehe sich zweitens
explizit auf akademisch-theologische Debatten der Zeit und verwende
drittens, mit durchaus ambivalenten Positionen, die theologischen Topoi
seiner Epoche. Eine konkrete Fallstudie bot schließlich Peter Heßelmann
(Münster), der das "Judenbild bei Grimmelshausen" untersuchte und dabei
als Quellen des zweiten Vogel-Nestes Christian Gersons Der Jüden Thalmud (1607) und Michael Buchenröders Eilende Messias Juden-Post (1666) vorstellte.
Auf einer Exkursion nach Straßburg, deren Ziel die historisch reichen
Bestände der von Dr. Louis Schlaefli mit großem Einsatz geführten
Bibliothek des dortigen Priesterseminars waren, wurde der fruchtbare
Gedankenaustausch des Arbeitsgesprächs, dessen schriftliche Erträge in
den nächsten Simpliciana publiziert werden sollen, ebenso fortgesetzt
wie in der traditionellen geselligen Runde in Grimmelshausens Gasthaus
"Zum Silbernen Stern" in Oberkirch-Gaisbach.
Dieter Martin
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"Simplicissimus in Westfalen"
Bericht über die Tagung der Grimmelshausen-Gesellschaft
23.-26. Juni 2005 in Münster
Vom 23. bis zum 25. Juni 2005 fand im Ausstellungspavillon der
Universitäts- und Landesbibliothek Münster die von der
Grimmelshausen-Gesellschaft veranstaltete Tagung "Simplicissimus in
Westfalen" statt.
Grimmelshausen, dessen Leben zu einem Großteil von Ereignissen des
Dreißigjährigen Krieges geprägt wurde, war als Kriegsteilnehmer von
Ende 1636 bis zum Frühjahr 1638 in Westfalen und im Münsterland. Mit
seinem in Soest stationierten Regiment des späteren kaiserlichen
Feldmarschalls Johann Wenzel Graf von Götz unternahm er Streifzüge
durch verschiedene westfälische Regionen zwischen Paderborn, Soest,
Recklinghausen, Dorsten, Coesfeld, Rheine, Schüttorf, Lingen, Meppen
und Vechta.
Grimmelshausen kannte also Westfalen und das Münsterland recht gut.
Auch seine Darstellung Westfalens im Simplicissimus Teutsch lassen auf
genaue Ortskenntnis schließen. Simplicissimus erwähnt verschiedene
Gegenden, Ortschaften, Flüsse sowie Fern- und Poststraßen und berichtet
vor allem von Aufenthalten in Soest, im Kloster Paradiese und in der
umgebenden Region (Raum Soest - Lippstadt - Werl - Hamm - Paderborn).
Ihm sind westfälische Bräuche und Sagen geläufig, er verwendet
westfälische Redewendungen und Bezeichnungen, gibt niederdeutsche
Sprache wieder, weiß um kulinarische Spezialitäten wie Schinken,
Würste, Salzbutter, Bier, Stuten und Pumpernickel und sogar um dessen
Zubereitung. Simplicissimus agiert - wie er in seinen "Stücklein"
anschaulich erzählt - auf Beutezügen als berüchtigter "Jäger von Soest"
und hat im "Jäger von Werl" einen nicht minder anrüchigen Gegenspieler.
Auch der 1648 in Münster und Osnabrück geschlossene Westfälische Friede
findet in Grimmelshausens Romanen Erwähnung.
Die Vorträge der Tagung widmeten sich insbesondere den auf Westfalen
bezüglichen Textpassagen und stellten sowohl den Barockautor
Grimmelshausen als auch die erzählte Welt seiner literarischen Figuren
in den Kontext der regionalen Historie und Kulturgeschichte. Zwanzig
Literatur- und Sprachwissenschaftler, Regional-, Kultur-, Militär- und
Kunsthistoriker sowie Archivare und Bibliothekare trugen zu neuen
Einsichten in das Leben und Werk des bedeutendsten deutschen
Barockerzählers bei.
Vor der Tagungseröffnung fand am 22. Juni 2005 eine öffentliche
Lesung aus Grimmelshausens Simplicissimus Teutsch mit Liedern der
Barockepoche - gespielt auf historischen Instrumenten - in der
Studiobühne der Universität Münster statt. Rezitator war Markus von
Hagen, es sang und musizierte Manfred Kehr. Den Auftakt zum ersten Tag
des Kongresses bildete ein Empfang durch Karin Reismann,
Bürgermeisterin der Stadt Münster, im Friedenssaal des Rathauses. Zum
Abschluß der Tagung unternahmen die Tagungsteilnehmer eine Exkursion
über Telgte, das Günter Grass 1979 zum Schauplatz seiner Erzählung Das
Treffen in Telgte wählte, in die Grimmelshausen-Stadt Soest und in das
vor den Toren der Stadt gelegene Kloster Paradiese. Eine weitere
Station war das Museum für Westfälische Literatur - Kulturgut Haus
Nottbeck bei Oelde-Stromberg. Dort referierte Walter Gödden (Münster)
über "Die Präsentation von Barockliteratur im Museum für Westfälische
Literatur - Kulturgut Haus Nottbeck".
Für die Dauer der Tagung hatte der Veranstalter im Tagungsraum eine
kleine Buchausstellung zur Lektüre Grimmelshausens arrangiert: Werke,
die der simplicianische Erzähler zitiert und verarbeitet hat,
darüberhinaus ein Exemplar der Erstausgabe des Ewig-währenden Calenders
(1670). Die Exponate stammten aus den Beständen der Universitäts- und
Landesbibliothek Münster und der Bibliothek des Germanistischen
Instituts.
Drei Historiker stellten zu Beginn der Tagung die grundlegenden
konfessionellen, militärgeschichtlichen, sozialen und politischen
Bedingungen in Westfalen in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts dar.
Alwin Hanschmidt (Vechta) ging es um die "Konfessionsverhältnisse und
Konfessionskämpfe in Westfalen zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges".
Eine militärgeschichtliche Perspektive hatte Bernhard Sicken (Münster),
dessen Vortrag die Strukturbedingungen der Kriegsführung, den
Kriegsverlauf und die regionalen Auswirkungen zum Thema hatten. Gunnar
Teske (Münster) setzte sich mit den sozialen und politischen
Verhältnissen in Soest und Lippstadt in den dreißiger Jahren des 17.
Jahrhunderts auseinander. Daran anknüpfend standen literarische und
bildliche Darstellungen des Raumes Westfalen im Mittelpunkt.
Hans-Joachim Jakob (Siegen) widmete sich "Grimmelshausens Westfalen in
Landschaftsdarstellungen aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts".
In einem Abendvortrag präsentierte Hans Galen (Münster) ein von ihm
entdecktes Porträt aus dem Jahr 1641, von dem er der festen Überzeugung
ist, daß es den jungen Grimmelshausen zeigt. Galen erläuterte das Bild
und stellte seine Authentizität erstmals in der Öffentlichkeit zur
Diskussion. Die Entdeckung des Porträts, die Identifizierung des
Dargestellten und des Malers wären eine Sensation, da bislang kein
Porträt Grimmelshausens bekannt geworden ist. Weitere historische und
kunsthistorische Forschungen werden allerdings notwendig sein, um den
Bezug des Bildes auf Grimmelshausen zu klären und Galens These zu
erhärten.
Der nächste Tag begann mit Vorträgen zum "Jäger von Soest". Michael
Kaiser (Köln) sprach über "Grimmelshausen und die Lebenswelt der
Söldner in den westfälischen Episoden des Simplicissimus Teutsch".
Ralf-Peter Fuchs (München) referierte über "Claesgen von Wildt und
seine Bande - 'Landzwinger' und die Ehre der Grafschaft Mark während
des Aufenthaltes von Grimmelshausen in Soest". Sein Beitrag ließ
aufschlußreiche Parallelen zum "Jäger von Soest" und zu seinen Kumpanen
erkennen. Die Beiträge der auf der Tagung vertretenen Historiker
erwiesen sich auch hier als Gewinn für die literaturwissenschaftliche
Grimmelshausenforschung. Diese kam dann aber auch ausführlich zu Wort:
Detlef Kremer (Münster) untersuchte Zusammenhänge von Körper und Gewalt
im Simplicissimus Teutsch und stellte den Roman nicht nur in die
Tradition des Pikaroromans, sondern wies auch auf Parallelen zum
Manierismus und zur Groteske in Rabelais' Gargantua hin. Dieter Breuer
(Aachen) lenkte den Blick auf die Hexe von Soest und die anderen
westfälischen Wahrsager in Grimmelshausens Hauptwerk. Timothy Sodmann
(Vreden) erkundete die niederdeutsche Sprache bei Grimmelshausen. Unter
dem Titel "Der westfälische Epikur - Grimmelshausens Umgang mit seinem
glücklichen Helden" durchleuchtete Wilhelm Kühlmann (Heidelberg)
epikurische Motive und Episoden. Ortwin Lämke (Münster) untersuchte die
Bedeutung des Geldmotivs im simplicianischen Erzählzyklus. Ein
Abendvortrag von Klaus Haberkamm (Münster) im Schloß zu Münster widmete
sich dem Verhältnis von Literatur und Astrologie sowie den
Manifestationen von Astrologischem in der Innen- und Außenarchitektur
Münsterscher Gebäude. ("Ästhetische Varianten der 'Chaldäischen Reihe'
- Grimmelshausens Simplicissimus Teutsch und der Skulpturenschmuck an
Erbdrostenhof und Schloß in Münster").
Der dritte Tagungstag begann mit Vorträgen über Grimmelshausens
Lektüre und die in den westfälischen "Stücklein" verarbeiteten Quellen.
Bertram Haller (Münster) gab Erläuterungen zur westfälischen
Bibliothekslandschaft in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts und
ging der Frage nach, ob der "Vielleser" Grimmelshausen in Westfalen
Zugang zu Büchern gehabt haben könnte. Thomas Althaus (Bremen)
analysierte Grimmelshausens Episode vom Speckdiebstahl mit einem
vergleichenden Blick auf die Textvorlage aus Erasmus Franciscis
Lustiger Schaubühne. Dem von Simplicissimus in seiner Soester Zeit
gelesenen Roman Arcadia von Philip Sidney in der Bearbeitung von Martin
Opitz (1638) galt der Vortrag von Rosmarie Zeller (Basel).
Den Abschluß des dritten Tagungstages bildeten drei Vorträge zur
Rezeption des simplicianischen Werkes in Westfalen. Thomas Köhler
(Münster) ging der Aufnahme des Simplicissimus Teutsch in
nationalsozialistischer Zeit nach und rückte dabei Karl Alexander
Raidas Volksoper Der Jäger von Soest (1887) und ihre Aufführung 1936 in
Soest ins Zentrum seiner Ausführungen. Ernst Jüngers Rezeption des
"Jägers von Soest" galt die Aufmerksamkeit Friedrich Gaedes (Freiburg).
Abschließend sprach Peter Heßelmann (Münster) über Gerhard Menschings
1989 erschienener Kriminalnovelle Grimmelshausen und der Mörder von
Soest.
Die Vorträge werden 2006 als Beiheft zu "Simpliciana - Schriften der
Grimmelshausen-Gesellschaft" veröffentlicht:
Grimmelshausen und sein "Simplicissimus" in Westfalen. Hg. von Peter
Heßelmann. Bern, Berlin, Brüssel, Frankfurt a. M., New York, Oxford,
Wien: Peter Lang, 2006 (= Beihefte zu Simpliciana 2).
Peter Heßelmann
Zur Tagung "Simplicissimus in Westfalen" ist bereits ein reich
illustriertes Begleitheft mit erläuternden Texten erschienen:
Simplicissimus in Westfalen. Begleitheft zur Tagung der
Grimmelshausen-Gesellschaft vom 23. bis zum 26. Juni 2005 in Münster.
Hg. von Hans Galen, Klaus Haberkamm und Peter Heßelmann. Münster 2005.
(ISBN: 3-00-016272-0)
Das Begleitheft bildet zum Teil bisher unveröffentlichtes
graphisches Material ab, das in unmittelbarer Beziehung zum
Tagungsthema steht. Die nicht nur in kulturgeschichtlicher Perspektive
interessanten Porträts, Landkarten, Stadtansichten, Genre- und
Kriegsszenen, Titelkupfer, Buchillustrationen, Skulpturen etc.
vermitteln eindrucksvolle Bilder vor allem aus dem Jahrhundert des
Dreißigjährigen Krieges. Auch das von Galen entdeckte Porträt wird
reproduziert und erläutert. Das Begleitheft ist zum Preis von 6,50 Euro
(inkl. Porto und Verpackung) beim Tagungsleiter erhältlich.
Bestellungen bitte an folgende Adresse:
Prof.. Dr. Peter Heßelmann
Propsteistr. 48
48145 Münster
E-Mail: P.Hesselmann@t-online.de
Fax: 0251-832-8344
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Ankündigungen
Fortunatus,
Melusine, Genofeva
Internationale
Erzählstoffe in der deutschen und
ungarischen Literatur der frühen Neuzeit
Internationale Tagung der Institute für Komparatistik,
Germanistik und Ungarische Literaturwissenschaft der Hochschule
Károly Eszterházy Eger in Verbindung mit dem
Germanistischen Institut der RWTH Aachen
und der Grimmelshausen-Gesellschaft
vom 8. bis zum 12. Oktober 2008 in Eger (Ungarn)
Der Lehrstuhl für Komparatistik der Hochschule
Károly Eszterházy in Eger und das Germanistische
Institut der RWTH Aachen veranstalten in Verbindung mit
der Grimmelshausen-Gesellschaft vom 8. bis zum 12. Oktober
2008 in Eger (Ungarn) ein internationales Kolloquium zum
Thema „Internationale Erzählstoffe in der deutschen
und ungarischen Literatur der frühen Neuzeit”.
Die Gemeinsamkeiten der europäischen Literaturen, auch
der ungarischen und der deutschen, beruhen nicht zum geringsten
auf der Neubearbeitung von antiken und mittelalterlichen
Erzählstoffen. Dies gilt insbesondere für die
Erzählliteratur der frühen Neuzeit.
Ziel der Tagung ist es, verschiedene Stoffgeschichten in
den zwei Nationalliteraturen zu vergleichen, die innere
Struktur der Stoffe und ihren Charakter sowie ihre Entfaltungsmöglichkeiten
in den diversen literarischen Kontexten zu beleuchten. Aus
stoffgeschichtlich-poetologischer Perspektive sind neue
Erkenntnisse über den dichterischen Schaffensprozess
zu gewinnen. Darüber hinaus lassen sich bisher wenig
bekannte kultur- und literaturgeschichtliche Entwicklungen
genauer als bisher beschreiben und analysieren.
In der ungarischen Literatur sind von derartigen Stoffen
in der frühen Neuzeit u. a. bearbeitet worden: Ahasver,
Alexander, Barlaam und Josaphat, Eulenspiegel, Fortunataus,
Genovefa, Hero und Leander, Magelone, Salamon und Markalf,
Witwe von Ephesus. In der deutschen Literatur der frühen
Neuzeit kommen noch Bearbeitungen weiterer Stoffe hinzu,
etwa Haimonskinder, Hug Schapler, Melusine, Faust. Das Kolloquium
soll u. a. folgende Fragen klären: In welchem Umfang
und in welcher Form sind die alten Stoffe neubearbeitet
worden? Warum verbreiteten sich manche Stoffe in einem bestimmten
geographischen Raum und manche nicht? Welche neuen Funktionen
und Kontexte haben sie erhalten? Wie positionieren sich
die frühneuzeitlichen Bearbeiter der Stoffe im Kontext
des Dichtungsverständnisses ihrer Zeit? Welche Mentalitäten
und Leserschichten bedienen sie?
Prof. Dr. Dieter Breuer (Aachen) Prof. Dr. Gábor
Tüskés (Budapest/Eger)
Hier
gelangen Sie zum vorläufigen Programm. (Fassung
vom 16. März 2008; pdf-Dokument, ca. 40 KB)
Grimmelshausen als Kalenderschriftsteller
und die zeitgenössische Kalenderliteratur
Arbeitsgespräch der
Grimmelshausen-Gesellschaft
vom 21. bis zum 22. März 2009 in Oberkirch
Die Grimmelshausen-Gesellschaft veranstaltet vom 21. bis
zum 22. März 2009 in Oberkirch ein Arbeitsgespräch
zum Thema „Grimmelshausen als Kalenderschriftsteller
und die zeitgenössische Kalenderliteratur”.
Im Zentrum der kritischen und intensiven Auseinandersetzung
sollen die ersten Jahrgänge des Europäischen
Wundergeschichten-Calenders (1670–1675), der
Ewig-währende Calender (1670) und Deß
jungen ehelich gebohrnen Simplicissimi Neu und alter Schreib-Kalender
(1675) stehen.
Die Grimmelshausen-Gesellschaft hat sich zuletzt 1994 im
Rahmen eines Arbeitsgesprächs mit Grimmelshausen als
Kalenderautor befaßt und die Beiträge in Simpliciana
XVI (1994) publiziert. Damals stand sein Ewig-währender
Calender im Mittelpunkt.
Anlaß für die erneute Beschäftigung mit
der simplicianischen Kalenderproduktion ist ein Kalenderfund
von Klaus-Dieter Herbst (Jena) im Stadtarchiv Altenburg.
Dort entdeckte er den bisher verschollenen 1. Jahrgang des
Europäischen Wundergeschichten-Calenders auf
1670 (Klaus-Dieter Herbst: Der Kalenderschatz im Stadtarchiv
Altenburg. In: Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte
9, 2007, S. 211–239). Zusammen mit Klaus Matthäus
(Erlangen) bereitet er die kommentierte Faksimile-Edition
der ersten drei Jahrgänge des Europäischen
Wundergeschichten-Calenders (1670–1672) vor,
die im Herbst 2008 erscheinen soll. Die Verfasserfrage und
Beteiligung Grimmelshausens an den im Verlag Felßecker
erschienenen Calendern werden auf der Grundlage
der Entdeckung abermals zu erörtern sein. Damit steht
auch die Echtheit der drei kleinen Calender-Continuationen
wiederholt zur Diskussion. Zur orientierenden Einführung
in die Problematik sei auf den Überblick von Jörg
Jochen Berns verwiesen – Kalenderprobleme der Grimmelshausen-Forschung.
In: Simpliciana XVI, 1994, S. 15–32 (mit
Literaturhinweisen zum Themenkomplex).
Darüber hinaus hat Klaus-Dieter Herbst jüngst
einen anderen unbekannten simplicianischen Kalender mit
der Angabe des elsässischen Druckorts Molsheim (Drucker:
Johann Heinrich Straubhaar) gefunden (3. Jg. 1675): Deß
jungen ehelich gebohrnen Simplicissimi Neu und alter Schreib-Kalender
(Molsheim 1675). Dieser in Molsheim von Straubhaar seit
1673 gedruckte und verlegte Kalender enthält im Kalendarium
die Textspalte „Fernere Continuation, Deren 1673.
angefangenen Simplicianischen Erzehlung“ und im zweiten
Teil „Simplicianische Historien vom alten Simplicissimo“.
Auch dieser Kalender wird in der genannten Edition als Faksimile
veröffentlicht und kommentiert.
Das Kolloquium „Grimmelshausen als Kalenderschriftsteller
und die zeitgenössische Kalenderliteratur” soll
sich unter anderem folgenden Fragestellungen und Themenaspekten
widmen: Beteiligung und Mitarbeit Grimmelshausens an den
simplicianischen Kalendern, Probleme der Authentizität
und Autorisation in der Kalenderproduktion, der mediengeschichtliche
Ort der Kalenderschriftstellerei Grimmelshausens, der Verlag
Felßecker (Nürnberg) als Kalenderverlag, Textformen
des Kalendergesprächs und der Kalendergeschichten in
zeitgenössischen Schreibkalendern, Integration literarischer
Quellen und Erzählformen in Kalendern, Literarizität
der Textsorte Kalender, Kalender als narrative Kompilationsliteratur,
die Gattung der ewig währenden Kalender in der Zeit
von ca. 1650 bis 1680, Manifestationen satirischer Kalender-
und Astrologiekritik, der Druckort Molsheim im Elsaß
und der Drucker Johann Heinrich Straubhaar.
Um Grimmelshausens Bedeutung und Position als Kalenderautor
angemessen beurteilen zu können, ist es sinnvoll, den
Kontext der zeitgenössischen Kalenderproduktion vergleichend
zu berücksichtigen. Das Arbeitsgespräch soll sich
dabei auf den Zeitraum von ca. 1650 bis 1680 konzentrieren
und sich insbesondere den sechziger und siebziger Jahren
des 17. Jahrhunderts zuwenden. Beiträge zu anderen
Kalenderautoren, zu anderen Jahreskalendern und ewig währenden
Kalendern sind erwünscht.
Vortragsangebote nimmt entgegen:
Prof. Dr. Peter
Heßelmann (Münster) (p.hesselmann@t-online.de)
Erotik und Gewalt im Werk Grimmelshausens
und im deutschen Barockroman
Tagung der Grimmelshausen-Gesellschaft
vom 18. bis zum 21. Juni 2009 in Gelnhausen
Die Grimmelshausen-Gesellschaft veranstaltet vom 18. bis
zum 21. Juni 2009 in Gelnhausen eine Tagung zum Thema „Erotik
und Gewalt im Werk Grimmelshausens und im deutschen Barockroman”.
Die Tagung soll sich unter anderem folgenden Fragestellungen
und Themenaspekten widmen: Wie werden Erotik und Gewalt
im Werk Grimmelshausens und im deutschen Barockroman dargestellt?
Wie gehen Menschen insbesondere in der epischen Welt des
simplicianischen Erzählers miteinander und mit ihren
Affekten um, in einem „Zeitalter der Mitleidlosigkeit”?
Wie verhalten sie sich, wenn es um die erotische Spannung
der Geschlechter, auch um das Ausleben oder die Disziplinierung
von Aggressionen geht, die körperliche wie unkörperliche
Gewalt, zumal gegenüber Frauen, umfassen? Wie werden
Gewalttäter und ihre Opfer – nicht nur im Hinblick
auf die traumatisierende Erfahrung des Dreißigjährigen
Krieges – beschrieben und beurteilt? Wie wird der
zeitgenössische Diskurs um die Rechtfertigung und Ablehnung
von physischer und psychischer Gewaltausübung argumentativ
aufgegriffen? Inwiefern wird die Lust an der Gewalt literarisiert?
Wie werden Manifestationen von Gewalt, Erotik und Sexualität
ästhetisch vermittelt? Wie stehen normative Moralität,
literarische Codierungen und Effekte im Horizont einer –
wie angedeuteten – Evidenz des Tatsächlichen
zueinander? Wie werden derartige Konflikte wahrgenommen,
zart oder auch grobianisch symbolisiert, verdrängt
oder beklagt, wie textualisiert, explizit und implizit bewertet,
nicht nur in Kommentaren, sondern auch in Reaktionen des
Abscheus, der Distanzierung, auch der Parodie und des anteilnehmenden
oder schadenfrohen Gelächters?
Wer diesen Fragen nachgeht, wird in Werken Grimmelshausens
fündig werden. Sie sind vor diesem Hintergrund erneut
zu lesen und synoptisch im Umkreis der zeitgenössischen
Erzählliteratur zu betrachten.
Vortragsangebote nehmen entgegen:
Prof. Dr. Peter
Heßelmann (Münster) (p.hesselmann@t-online.de)
Prof.
Dr. Wilhelm Kühlmann (Heidelberg) (wilhelm.kuehlmann@gs.uni-heidelberg.de)
Prof.
Dr. Dieter Martin (Freiburg) (dieter.martin@germanistik.uni-freiburg.de)